Industrieverband Halbzeuge und
Konsumprodukte aus Kunststoff e.V.
Branche Ausbildung & Beruf Jung & interessiert – aber kaum zu kriegen

Jung & interessiert – aber kaum zu kriegen

Ursachen und Wege zur Lösung des Fachkräftemangels in der Kunststoffverarbeitung

Bereits drei Viertel der kunststoffverarbeitenden Unternehmen, insbesondere im technischen Bereich, haben Schwierigkeiten, Auszubildende und Fachkräfte zu finden. Die seit Jahren anhaltend gute Konjunkturlage und die sich immer deutlicher abzeichnenden Folgen der demografischen Veränderung machen den Fachkräftemangel zum zentralen Thema in den Branchenunternehmen.

Berührungsängste abbauen: In Girls sowie Boys Days (oder auch an Informationstagen für gemischte Gruppen) können Schüler an einem Tag einen ersten Einblick in berufliche Tätigkeiten gewinnen, wie sie in der kunststoffverarbeitenden Industrie angeboten werden (© Rehau)


Die Kunststoffverarbeitung ist und bleibt eine Wachstumsindustrie. Zurückblickend auf die letzten 20 Jahre lagen die Wachstumsraten der Branche meist deutlich über dem der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Kunststoffprodukte und -lösungen „Made in Germany“ sind weltweit gefragt und dringen weiter in alle Lebensbereiche vor. Die Schattenseite des Booms ist der Fachkräftemangel. Bereits in der Vergangenheit blieben viele der angebotenen Ausbildungs- und Arbeitsplätze unbesetzt.

Gründe für den Fachkräftemangel

Der Druck, der dadurch heute auf vielen Unternehmen lastet, hat zahlreiche Ursachen. Viele davon lassen sich mit einem einfachen Blick auf die Demografie erklären. Seit Jahrzehnten geht die Geburtenrate in Deutschland zurück. Inzwischen hat sie sich auf einem niedrigen Niveau stabilisiert, das in etwa der Hälfte der Babyboomer-Jahre zwischen 1957 und 1964 entspricht. Mit Blick auf diese Daten ist über fast eine Generation abzusehen, wie viele Schulabgänger dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt zukünftig zur Verfügung stehen werden. Derzeit wird mit einem weiteren kontinuierlichen Rückgang bis zum Jahr 2025 gerechnet.

Es gibt aber deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Während in Westdeutschland die Zahl der Schulabgänger kontinuierlich weiter sinkt, gab es in Ostdeutschland vor einigen Jahren den Wendeknick, eine drastische Halbierung der Schülerzahlen, ausgelöst durch den massiven Geburtenrückgang unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Aus diesem Grund hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in den östlichen Bundeländern bereits vor Jahren dramatisch verschärft.

Für den Fachkräftemangel gibt es aber einen noch wichtigeren Grund, der unmittelbar auf den Fachkräftemarkt Auswirkungen hat: Immer mehr Schüler erstreben den höchsten Schulabschluss, die Fachhochschulreife oder das Abitur. Einmal den höchsten Abschluss erworben, streben diese Absolventen eine Hochschulausbildung an und stehen damit dem Ausbildungsmarkt nicht zur Verfügung. Haupt- und Realschulen verlieren an Bedeutung.

Akademiker und Facharbeiter gefragt

Deutschland als rohstoffarmes Hochlohnland braucht beides: Akademiker und Facharbeiter. Aus diesem Grund ist der gesellschaftliche Aufschrei über diese Entwicklung kaum zu vernehmen. Realität ist aber, dass viele junge Menschen heute ein Hochschulstudium allein in dem Glauben starten, nur über diesen Weg gesellschaftliche Anerkennung und ein überdurchschnittliches Einkommen zu erreichen.

Die Folge sind überfüllte Hochschulen, unerfüllte Hoffnungen und eine Studienabbruchquote von fast 40 Prozent. Eine gesellschaftliche Polarisierung zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung ist dabei ebenso fehl am Platz wie die Erwartung, nur als Akademiker ein höheres Lebensarbeitseinkommen erzielen zu können. Deutschland hat ein ausgezeichnetes, fast durchgängiges Bildungssystem, das auch Facharbeitern die Möglichkeiten eröffnet, später einen akademischen Abschluss zu erwerben. Die Entscheidung für eine duale Ausbildung ist somit alles andere als eine berufliche Sackgasse.

Richtungsweisende Entscheidungen brauchen eine gute und fundierte Informationsbasis. Daran hapert es jedoch gewaltig. Eine der zentralen Forderungen der Industrie ist es daher, bereits frühzeitig in den Schulen über die verschiedenen Möglichkeiten der beruflichen Ausbildung zu informieren. Diese Information darf sich aber nicht nur auf Schüler der Haupt- und Realschulen beschränken, sondern muss zum zwingenden Bestandteil der gymnasialen Ausbildung werden. Insofern ist die Entscheidung der Bundesagentur für Arbeit zu begrüßen, das Informationsangebot an allen Schulformen auszubauen.

Bedeutungsverlust von Haupt- und Realschule

Eine weitere Folge des Strebens nach höheren Schulabschlüssen ist, dass seit Jahren der Anteil leistungsstarker Schulabgänger aus Haupt- und Realschulen rückläufig ist und der Anteil leistungsschwächerer Schulabgänger zunimmt. Ein Problem, mit dem sich später die ausbildenden Unternehmen auseinandersetzen müssen. Hier werden auch Versäumnisse der allgemeinbildenden Schulen, insbesondere in den Fächern Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften, auf die Unternehmen übertragen. Dennoch gelingt es den allermeisten Unternehmen, dies zu kompensieren und über das richtungsweisende System der dualen Ausbildung, mit den Lernorten Berufsschule und Ausbildungsbetrieb, Auszubildende zu einem qualifizierten Ausbildungsabschluss zu führen. Das System der dualen Berufsausbildung in Deutschland hat sich mehr als bewährt. Längst hat sich diese Erkenntnis auch in Europa durchgesetzt.

Der Ausbildungsmarkt hat sich wesentlich schneller gewandelt als von vielen Unternehmen erwartet. Viele, meist kleinere Unternehmen tun sich heute schwer mit der Entwicklung und sind auf diese Veränderung nicht ausreichend vorbereitet. Notwendige Instrumente zum Anwerben von Auszubildenden und Fachkräften fehlen oder wurden nicht konsequent aufgebaut. Erschwerend kommt dabei auch zum Tragen, dass die Unternehmen mit dem geringen Bekanntheitsgrad des Berufsbilds etwa eines Verfahrensmechanikers zu kämpfen haben.

Maßnahmen und Initiativen

Da aus demografischer Sicht keine Lösung zu erwarten ist, müssen die Unternehmen heute ein ganzes Bündel von Maßnahmen ergreifen, um ihre Fachkräfteprobleme zu lösen. Letztlich muss das Thema Ausbildung und Fachkräftegewinnung Chefsache sein und zu einem Bestandteil des Unternehmensmarketings werden, und natürlich muss man Geld in die Hand nehmen und investieren.

Vor dem Hintergrund von annähernd 340 Ausbildungsberufen ist es unmittelbar einsichtig, dass junge Menschen einzelne Berufsfelder übersehen und den Verfahrensmechaniker Kunststoff- und Kautschuktechnik nicht identifizieren können. Unternehmen sei daher geraten sich zu öffnen, Leistungen, Produkte und berufliche Perspektiven darzustellen. Mit einem „Hidden champion“-Image ist das Fachkräfteproblem nicht zu lösen. Um den Point of Contact zu den Schülern aber auch zu den Eltern zu initiieren, sind weitere Ausbildungsmessen, Bewerbertrainings in den Schulen und ggf. ein YouTube Kanal mit authentischen Mitarbeiter Videos vielversprechend. Der Großteil der Jugendlichen informiert sich über Google. Eine mobil optimierte Ausbildungswebseite ist dabei erforderlich.

Die Liste weiterer Initiativen, die ein Unternehmen ergreifen kann, ist lang. Erfolgreich sind Maßnahmen, die die Begeisterung für die Kunststoffindustrie fördern. Ausschlaggebend können Kooperationen mit Schulen sein. Gerade gut organisierte Praktika und Betriebsbesichtigungen werden die Begeisterung für Kunststoff und dessen Berufe erwecken. Die Generation Z, die auf dem Ausbildungsmarkt angekommen ist, möchte die Sinnhaftigkeit des Berufs bzw. Tätigkeitsfelds erkennen. Auch die Teilnahme am Girls und Boys Day (Titelbild) ist zu empfehlen. Oberstes Gebot ist dabei, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und auszubilden bzw. Fachkräftequalifikation anzubieten. Nur etwa die Hälfte der Unternehmen der Kunststoffverarbeitung bilden aus. Gemessen am Zuwachs der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten nimmt die Ausbildungsquote beständig ab. Die Zielmarke von 7 Prozent wird kaum erreicht. Je kleiner der Betrieb desto niedriger die Ausbildungsquote. In den ostdeutschen Bundesländern hat sich die einstmals gute Ausbildungsquote nahezu halbiert.

Da die Probleme der geringen Schülerzahlen, die allgemeine Hochschulorientierung und der Renteneintritt vieler Fachkräfte sich nicht kurzfristig lösen lassen, wird der Ausbildungsmarkt auf Zuwanderung angewiesen sein. Neben den wichtigen Aufgaben des Staates bei Einwanderung und Integration stehen die Unternehmen hier vor großen Herausforderungen, insbesondere, wenn es um die sprachliche und arbeitskulturelle Integration geht.

Die Autoren:

Michael von Hertell, Leiter Berufsausbildung, REHAU Gruppe, Rehau

Ralf Olsen, Hauptgeschäftsführer pro-K Industrieverband Halbzeuge und Konsumprodukte aus Kunststoff e.V., Frankfurt a.M.

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